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Utopia

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Gespeichert von Gonzo am Sonntag, 10. September 2017 — 13:24

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Zeitschrift gruppe & spiel entstanden. Auf 55 Seiten hat sich die Redaktion dem Thema Geländespiel angenähert; hierbei sei den Macherinnen und Machern der Zeitschrift ganz herzlich gedankt. In diesem Blogeintrag zeige ich in einem Auszug, wie ich das Geländespiel Utopia erzählend beschreibe. Wenn du an Wirtschaftssimulationen und Strategiespielen im Gelände interessiert bist, dann ist diese Lektüre definitv etwas für dich. Möchtest du dieses Spiel mit deiner Abteilung oder Jugendgruppe nachspielen? Dann ist vielleicht die ausführliche Anleitung zum Geländespiel Utopia etwas für dich.

Kläranlage oder Chemiefabrik?

„Sie entlastet die Umwelt, weil ein Teil des gebrauchten Wassers wieder aufbereitet werden kann“, erklärt die 13-jährige Zoe und fügt hinzu: „Komm, wir nehmen die Kläranlage!“ Tim, 8 Jahre alt, ist da noch etwas skeptisch, liebäugelt er doch mit der Chemiefabrik: „Du, aber hast du dir angesehen, wie viel Arznei eine solche Fabrik im Jahr produziert? Viel dringender brauchen wir das doch jetzt als saubere Energie.“ Nicht im Klassenzimmer oder Debattierklub findet diese Auseinandersetzung statt, sondern auf einer Lichtung mitten im Wald. Verdutzt halten die Kinder inne, als es im Unterholz raschelt. Eine Frau zwängt sich durchs Gestrüpp und prescht schon im vollen Lauf dem nahen Trampelpfad entgegen. „Hallo Mama!“, ruft Zoe. Zoes Mutter Helen bleibt einen Moment stehen und erwidert atemringend, indem sie auf eine Karte in ihrer Linken weist: „Zoe … keine Zeit … müssen noch aufs Lohnbüro dieses Jahr!“ Längst klar ist für Helen, dass es mit dem Einstieg ins Ölgeschäft nichts mehr wird, wenn ihr Bezirk nicht noch dieses Jahr das Gold für eine Raffinerie zusammenbringt …

Zoes Mutter ist natürlich nicht wirklich im Begriff, ins Ölgeschäft einzusteigen und ihre Tochter steht auch nicht kurz vor dem Kauf einer ganzen Kläranlage; was hier gespielt wird, ist das Geländespiel Utopia. Jeden zweiten Samstag treffen sich die Cevianerinnen und Cevianer zum gemeinsamen Nachmittagsprogramm und dieser Samstag ist besonders: heute ist Elterntag und die Mütter und Väter der Cevianerinnen und Cevianer erhalten Einblicke in die Aktivitäten ihrer Kinder – heute machen sie gleich selbst mit.

In einem grosszügig abgegrenzten Waldstück, dem Land Utopia, wetteifern fünf Kinder- und Elternteams um den grösstmöglichen Wohlstand.  Als Teams sind sie je einem sogenannten Bezirk zugehörig und jeder Bezirk hat einen kleinen, mit Absperrband eingegrenzten Bereich in Utopia. In dieser Kommandozentrale werden die wichtigen Entscheide gefällt, wobei eine Bezirksleiterin oder ein Bezirksleiter das Team betreut und bei schwierigen Entscheidungen beratend zur Seite steht.

Als Abgeordnete ihres Bezirks können sich alle Spielerinnen und Spieler frei in ganz Utopia bewegen und im Verlauf des Spiels verschiedenste Aktionen durchführen. Die Zugehörige eines Bezirks müssen also nicht immer geschlossen auftreten. Jeder Bezirk hat jedoch nur eine Bezirkskarte, die für die meisten Aktionen in Utopia benötigt wird. Auf der Bezirkskarte Zoes und Tims Bezirk wird also etwa vermerkt, ob Chemiefabrik oder Kläranlage gekauft wurde und auf der Bezirkskarte von Helens Bezirk wird abgehakt, sobald sie den zustehenden Lohn auf dem Lohnbüro abgeholt hat. Dies erklärt auch den Zeitdruck: Ohne Lohn und Bezirkskarte sind ihren Teammitgliedern in Bezug auf grössere Aktionen die Hände gebunden.

Trotzdem  gibt es immer etwas zu erledigen, sei es im Zusammenbau von neuen Geräten zwecks Produktionssteigerung oder im Handeln unterschiedlicher Rohstoffe. Wer aktiver ist, nimmt mehr Möglichkeiten wahr, den Bezirk zur grössten Wirtschaftsmacht aufzuschwingen – und das ist schliesslich das Ziel des Spiels. Die Grösse des Wirtschaftsimperiums von einem Bezirk wird dabei in Utopia-Punkten gemessen.  Am Ende des Spiels, nach 13 Utopia-Jahren, entspricht jede Einheit Rohstoff einem Utopia-Punkt und jedes Gebäude entspricht so vielen Utopia-Punkten, wie sein Bau gekostet hat. Nach 13 Jahren? Die Zeitrechnung in Utopia funktioniert freilich etwas anders als üblich, wobei ein Utopia-Jahr lediglich 10 Minuten in  unserer Zeit dauert. Dies erklärt auch Helens Hektik, denn für jedes Jahr stehen schwerwiegende Entscheidungen für die Produktion von Arznei, Energie, Gold, Holz und Nahrung an. Was ist wichtiger: Höchstmögliche Effizienz oder Nachhaltigkeit? … Bumm! … das Knallen aus einer Schreckschusspistole kündet den Jahreswechsel an. Ob es Helen mit dem Jahreslohn noch geschafft hat?

Rohstoffe – Glücksgefühle und Konflikte

Um Spekulation auf und Kalkulation von Rohstoffen dreht sich ein Grossteil des Geländespiels Utopia. Mittels Rohstoffen wird der Bau von Gebäuden und Geräten zum Ausbau der Rohstoffproduktion finanziert, ausserdem müssen Bezirke jedes Utopia-Jahr eine bestimmte Anzahl an Rohstoffen an das «Utopia Steueramt» zahlen. Wie das Utopia Lohnbüro befindet sich auch das Utopia Steueramt in der Mitte des Landes.

Es gibt fünft unterschiedliche Rohstoffsorten: Arznei, Energie, Gold, Holz und Nahrung. Entsprechend der bezirkseigenen Produktivität werden Rohstoffe als Jahreslohn auf dem «Utopia Lohnbüro» ausbezahlt; Tims Chemiefabrik wäre zum Beispiel ziemlich umsatzstark. Ist die Fabrik einmal gebaut, muss Tim dann aber noch den entsprechenden Jahreslohn auf dem «Utopia Lohnbüro» einfordern. Wird der Gang auf das Lohnbüro in einem Utopia-Jahr versäumt, verfällt der Jahreslohn und kann nicht mehr nachträglich bezogen werden. Auch im ersten und jedem folgenden Jahr erhalten alle Bezirke, auch ganz ohne Chemiefabrik, Kläranlage und jegliche andere Anlagen ein Grundeinkommen von 10 Rohstoffen von jeder Sorte. Durch zusätzliche Ausgaben kann die Produktivität und damit den vom Lohnbüro ausbezahlte Lohn für künftige Jahre gesteigert werden.

Kiosk – endlich Pause?

Am Kiosk im Landesinnern können gegen eine Anzahl von bestimmten Rohstoffen Gebäude gekauft werden. Jeder Gebäudetyp kann nur einmal gekauft werden. Nach Bezahlung des jeweiligen Preises wird auf dem Bezirksblatt vermerkt, welches Gebäude erworben wurde. In jedem Folgejahr zahlt das Lohnbüro den zustehenden Anteil der 200 verfügbaren Rohstoffe aus. Einige Gebäude haben einen anderen Nutzen, der per sofort eintritt (siehe Anhang: Tabelle 1: Gebäudekosten und -nutzen).

Gegen eine Anzahl bestimmter Rohstoffe können beim Kiosk auch die Bestandteile von Gerätschaften gekauft werden. Im eigenen Bezirk wird aus den Bestandteilen und der dazugehörigen Anleitung das jeweilige Gerät zusammengebaut. Geräte steigern die Produktivität eines Rohstofftyps. Für jeden Rohstofftyp gibt es ein ökologisches und ein industrielles Gerät, von dene jeweils nur eines gebaut werden kann. Fertig gebaute Geräte werden der Bezirksleiterin oder dem Bezirksleiter zur Kontrolle vorgelegt, er oder sie vermerkt den Erfolg auf dem Bezirksblatt. Industrielle Geräte bringen mehr Ertrag ein, verursachen aber zusätzliche Steuern während ökologische Geräte die Steuern sogar senken.

Schliesslich gibt’s beim Kiosk gegen Nahrungs-Rohstoffe für jeden Bezirk auch einmalig ein Pausenbrot, den sogenannten Zvieri zu kaufen.

„Jetzt wird abgerechnet …“

In jedem Utopia-Jahr müssen beim «Utopia Steueramt» die fälligen Steuern bezahlt werden. Diese berechnen sich aus der Bezirksgrösse (Anzahl zusätzlicher Grenzmeter) und den verwendeten Geräten. Fällig sind jeweils Wasser- und Arzneisteuer. Als Arzneisteuer muss Arznei abgegeben werden, als Wassersteuer können beliebige Rohstoffe (auch unterschiedliche und auch Arznei) abgegeben werden.

Können die fälligen Steuern in einem Jahr nicht bezahlt werden, wird der fehlende Betrag direkt vom Jahreslohn abgezogen. Dabei wird zuerst die fällige Anzahl an Arzneieinheiten vom Jahreslohn abgezogen. Sollte dies die fälligen Steuern nicht decken, wird der Fehlbetrag in doppelter Menge von den übrigen Rohstoffen abgezogen, wobei die Last gleichmässig auf alle Rohstoffe verteilt wird. Danach werden die fälligen Wassersteuern gleichmässig von den Rohstoffen abgezogen.

Fazit

Nach 13 Utopia-Jahren oder gut 2 Stunden waren Kinder wie Eltern erschöpft von den unternehmerischen Eskapaden, welche ihnen Utopia abverlangt hatte. Um die Geschichte von Zoe, Tim und Helen noch zu Ende zu erzählen: Helen hat den Gang aufs Lohnbüro noch geschafft und nicht Zoe und Tim waren es, die sich für die Chemiefabrik entschieden sondern Helen und ihr Elternteam. Die Eltern setzten alles auf eine Karte: Industrialisierung für schnellstmögliche Produktionssteigerung. Die zunehmend anfallenden Abgaben hatten die Eltern indes überschätzt und schifften nur knapp am Bezirksbankrott und einer Chemiekatastrophe vorbei. Ihre Töchter und Söhne hatten sich hingegen für den langwierigeren, teureren, aber nachhaltigeren Weg entschieden und reüssierten zum Schluss …